Das Bild sieht besser aus als es ist

Kolumne mit Dr. Jörg Zeuner

Industrie

07. November 2022 – Falscher Alarm? Obwohl Energiekrise, Ukraine-Krieg und Zinserhöhungen belasten, scheint der Bremseffekt bei Unternehmen bislang begrenzt. Die Wirtschaftsleistung im Euroraum ist im dritten Quartal leicht gewachsen. Und trotz immenser Belastungen fällt die aktuelle Berichtssaison insgesamt besser aus als befürchtet. Eine klare Mehrheit der Unternehmen im europäischen Aktienindex STOXX 600, die Quartalszahlen vorgelegt haben, erzielte mehr Umsatz als vom Markt erwartet. Auch die Gewinnentwicklung sah oft nicht schlecht aus. Unternehmen berichten zwar von Abschwächung, aber von einem hohen Niveau ausgehend.

Warum sind dann die Börsen weiter unter Druck? Der Markt lässt sich von den jüngsten Zahlen nicht blenden: Die Inflation steigert über höhere Preise den Umsatz, aber nicht die Produktion. Belastungsfaktoren wie steigende Zinsen, sinkende Nachfrage und hohe Kosten dürften in Europa zudem nicht so schnell verschwinden. So robust können die Gewinne daher nicht bleiben. Der schwache Euro hilft zwar aktuell exportstarken Unternehmen – aber nicht auf Dauer. Auch verflüchtigen sich positive Effekte aus der Corona-Öffnung oder aus hohen Sparquoten privater Haushalte. Wir erwarten darum insbesondere im ersten Halbjahr 2023 einen Gewinnrückgang im niedrigen zweistelligen Prozentbereich. Am Aktienmarkt ist wieder Geduld gefragt – obwohl ausgesuchte europäische Firmen durchaus auch in der Krise Chancen bieten.

Dr. Jörg Zeuner

Dr. Jörg Zeuner ist seit Juni 2019 Chefvolkswirt und leitet den Bereich Research & Investment Strategy des Portfoliomanagements von Union Investment. Seine Einschätzung zu aktuellen Kapitalmarktthemen erscheinen regelmäßig.

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